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„Wir sind keine Seelenverwandten“

Alberto Veiga und Fabrizio Barozzi hinterlassen seit 2004 unverwechselbare Spuren in den Städten Europas. FORMLINER hat mit Veiga über die architektonische Vision des Duos und die Prinzipien ihrer Zusammenarbeit gesprochen.

Fotos: © Barozzi Veiga

Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga gründeten 2004 in Barcelona das Büro Barozzi/Veiga. Das Architekten-Duo ist für starke Entwürfe mit klaren Linien und überraschenden Formspielen bekannt. Auf ihr Konto gehen der Sitz des Ribera del Duero in Roa, Spanien, die Neue Philharmonie in Stettin, Polen, das Kunstmuseum im schweizerischen Lausanne sowie die Tanzschule in Zürich. Barozzi/Veiga haben mit ihrer Arbeit zahl­reiche Preise gewonnen. 2015 wurden sie mit dem Mies van der Rohe Preis für zeitgenössische Architektur ausgezeichnet.

FORMLINER

Viele Ihrer Entwürfe sind öffentliche Gebäude. Wie nähern Sie sich dem öffentlichen Raum?

ALBERTO VEIGA

Für uns beginnt der Denkprozess von außen: Wir analysieren nicht erst die Beziehung zwischen Nutzung und Gebäude und versuchen dann die Form daraus zu entwickeln. Stattdessen denken wir darüber nach, wie die Stadt mit dem Gebäude interagiert und wie das Gebäude auf die Stadt reagiert. Daraus ergibt sich die Frage, wie wir den öffentlichen Raum gestalten können.

Die Verbindung zwischen dem Persönlichen und dem Öffentlichen ist die Maschine, die unser Denken antreibt. Unsere Entwürfe loten dessen Limit aus: Zum Beispiel bei der Konzerthalle in Polen, wo wir ein sehr großzügiges Foyer haben, das auch als öffentlicher Platz fungiert. Wir stellen an uns selbst den Anspruch, mit unserer Architektur Verantwortung zu zeigen.

FORMLINER

Das Urbane spielt bei Ihrer Arbeit also eine entscheidende Rolle?

ALBERTO VEIGA

Ja. Wir schauen immer zuerst auf die Stadt. Sie ist wichtiger als unsere Gebäude. Sich allein darauf zu konzentrieren ob man die Umgebung des Bauwerks nun mag oder nicht, ist die falsche Herangehensweise. Es führt zu nichts, nur darauf zu achten, welches Gebäude einem nicht gefällt oder welcher Bau schöner ist als der eigene Entwurf. Um das am Beispiel des Museums in Chur zu erläutern: Die Villa Planta und die anderen umgebenden Gebäude sind Teil unserer Familie. Wir müssen mit ihnen leben und die Stadt mit ihnen teilen. Unser Bau ist Teil der Stadt. Deshalb ist unser Anspruch, die Stadt neu zu entdecken und gute Antworten zu entwickeln, die mit den umliegenden Konditionen und Voraussetzungen am Besten harmonieren. Der beste Rat für einen Architekten, der mit einer komplexen Umgebung konfrontiert wird, ist, die Stadt zu respektieren und sie zu verbessern, wenn irgendwie möglich. Das ist die Herausforderung.

FORMLINER

Sie haben Chur angespro­chen, wo Sie einen Erweiterungsbau geplant haben. Sind solche Projekte schwieriger als Entwürfe, die für sich allein stehen?

ALBERTO VEIGA

In meinen Augen ist es schwieriger, wenn man bei Null anfangen muss und keinerlei Bezugspunkte hat. Kontext in Form eines existierenden Gebäudes macht den Beginn der Arbeit einfacher: Man kann einen Dialog anfangen. In Chur provozierte die Villa die Frage, welche Haltung wir mit unserem Gebäude einnehmen wollen. Unsere Antwort sollte weder zu aufdringlich noch zu bescheiden zu sein. Bei unserer Ideenfindung konnten wir auf den sehr speziellen Kontext reagieren, den die Villa schafft. Von daher ist es meiner Meinung nach einfacher, viel Input zu haben.

FORMLINER

Sie arbeiten im Team mit ihrem Büropartner Fabrizio Barozzi. Wie harmonisch ist die Zusammenarbeit als Architekten-Duo?

ALBERTO VEIGA

Wir sind keine Seelenverwandten. Wir haben ständig unterschiedliche Ansichten, obwohl wir viele gemeinsame Interessen teilen. Zu Beginn eines neuen Projekts ist es immer eine Art von Wettbewerb zwischen uns: Wer hat die überzeugendere Idee? Wir haben gelernt, unsere eigenen Interessen zurückzustellen wenn wir merken, dass der andere einen besseren Vorschlag hat. Entscheidend ist, welcher Entwurf bessere Erfolgschancen bei der Ausschreibung hat. Dann pushen wir zusammen, um das Maximum aus der Idee herauszuholen. Uns ist es sehr wichtig, alle vier Hände auf dem Tisch zu haben, wenn man es bildlich ausdrücken will. Deshalb diskutieren wir viele Dinge aus. Unsere Zusammenarbeit läuft wie bei einem Paar: Manchmal ist alles perfekt, manchmal ist es ein Albtraum, manchmal redet man für fünf Stunden und hat kein bisschen verstanden.

FORMLINER

Nehmen Sie sich manchmal eine Auszeit und verfolgen Ihre eigenen Ideen?

ALBERTO VEIGA

Nein, wir planen immer gemeinsam. Es stimmt natürlich, dass wir nicht beide ständig die Hauptrolle spielen können. Aber die Schlüsselthemen unserer Arbeit und neue Projekte diskutieren und entwickeln wir immer zusammen. Ab einem gewissen Punkt der Projektbetreuung teilen wir die Rollen auf – einfach, um effektiver arbeiten zu können.

FORMLINER

Sie arbeiten seit 2004 von Katalonien aus. Was hat Sie bewogen, Ihr Büro in Barcelona zu eröffnen?

ALBERTO VEIGA

Beruflich gesehen gab es keinen zwingenden Grund, Barcelona als Standort zu wählen. Den Ausschlag gaben private Entwicklungen. Aber wir mochten den Gedanken, dass Barcelona gut an europäische Städte angebunden ist. Es wirkte wie ein guter Ausgangspunkt für unsere Arbeit. Wir hatten damals offen gestanden keinen Plan, ob wir nur wenige Jahre oder gar ein ganzes Jahrzehnt hier bleiben. Es schien damals eine gute Idee zu sein – und heute, 13 Jahre später, ist es das immer noch.

FORMLINER

Ihr Partner charakterisiert ihr Büro als »untypisches Studio« – was meint er damit?

ALBERTO VEIGA

Normalerweise widmet man sich als junger Architekt zuerst kleinen, privaten Projekten. Schritt für Schritt werden die Entwürfe größer und damit auch die Herausforderungen. Das erlaubt einem, Jahr für Jahr mit den Projekten zu wachsen. Dabei entdeckt man sich selbst und lernt, welche Art von Architektur man schaffen möchte.

Wir hatten schon zu Beginn unserer Karriere an großen Entwürfen mitgearbeitet. 2004, als wir unser Büro gründeten, gab es viele öffentliche Ausschreibungen in Spanien. Wir sind sofort in diesem Markt eingestiegen und haben Entwürfe eingereicht. Das war natürlich eine Herausforderung wegen der Größenordnung und der Entscheidungen, die wir händeln mussten. Es hat uns stark geformt, dass wir uns mit diesen Dingen sehr früh auseinandersetzen mussten. Heute widmen wir uns auch häufiger privaten Aufträgen.

FORMLINER

Er spielt sicher auch auf Ihre unterschiedlichen Nationalitäten an?

ALBERTO VEIGA

Natürlich spielt auch das eine Rolle dabei, wie unser Büro arbeitet. Fabrizio ist Italiener, und auch viele unserer Mitarbeiter haben andere Nationalitäten.

Unsere gemeinsame Basis ist Europa, nicht Spanien oder Barcelona. Deshalb fiel es uns auch von Beginn an leicht, Projekte in Deutschland oder Italien anzunehmen und Europa als unseren Arbeitsplatz zu verstehen.

Das war ein Vorteil, als die Krise in Südeuropa um sich griff: Wir waren daran gewöhnt, außerhalb unserer Landesgrenzen zu arbeiten. Es ist eben Teil des Jobs, dass wir zweimal die Woche oder häufiger fliegen müssen, um Meetings zu besuchen und Projekte zu betreuen. Für uns war es selbstverständlich, dass wir zu den Projekten kommen mussten und nicht umgekehrt.

FORMLINER

Wie managen Sie ein so heterogenes Arbeitsumfeld?

ALBERTO VEIGA

Fabrizio wurde in Venedig ausgebildet, ich in Pamplona. Das bringt unterschiedliche Herangehensweisen an Architektur mit sich, aber das ist etwas das wir schätzen. Als wir uns im spanischen Süden begegneten, waren wir nichts weiter als Schreibtischnachbarn in einem großen Architekturbüro. Nachdem wir beschlossen hatten, unser eigenes Büro zu gründen, mussten wir gemeinsam herausfinden, was unsere Schlüsselthemen sind. Wir mussten uns gemeinsam auf diese Reise begeben, also haben wir alles auf den Tisch gelegt und es diskutiert. So sind wir zu unserer architektonischen Sprache gekommen: Simpel und aussagekräftig. Ein Gebäude lösen wir gern mit einigen wenigen Gesten, nicht mit 100.

Aufgrund unserer unterschiedlichen Hintergründe haben wir sehr intensive und reale Diskussionen. Wir mögen Diversität. Deshalb haben wir viele Mitarbeiter im Büro, die sehr verschiedene Geschichten und Schwerpunkte haben. Das erlaubt es uns, sehr heterogene Ideen an einen Tisch zu bringen. Wir nähern uns diesen Unterschieden mit der Auffassung, sie gemeinsam entdecken zu wollen.

FORMLINER

Wie sieht der Prozess bei einem neuen Entwurf aus?

ALBERTO VEIGA

Wenn es sich um eine Ausschreibung handelt, besuchen wir immer als Erstes den Bauort. Wir nehmen uns gern Zeit, um über die Ausschreibung nachdenken und die Baustelle auf uns wirken lassen. Es ist schwierig, wenn man übereilt einen Entwurf produzieren muss. Wir wollen den Ort sehen und sie mit unseren eigenen Augen entdecken.

Manchmal besuchen wir die Baustelle vier bis fünf Mal, manchmal nur einmal. Am Anfang versuchen wir, unsere Vorstellungskraft so stark wie möglich anzukurbeln. Wir suchen also nach Referenzen, Input des Ortes, schauen uns den Kontext genau an. Der soziale Kontext spielt immer eine Rolle. Wir versuchen so viel wie möglich zu recherchieren und uns zu informieren, ohne obsessiv zu werden. An einem gewissen Punkt bildet sich eine Vision und die Vorstellungskraft beginnt zu arbeiten. Dann kommt alles auf einem natürlichen Weg. Es taucht plötzlich einfach auf – manchmal weiß man genau, was die Quelle ist, manchmal nicht.

Die Hauptaufgabe eines Architekten ist es, Menschen zu verführen und anzuziehen. Dafür müssen die Gebäude sexy sein, so dass man das Interesse der Besucher weckt. Wir suchen immer nach einem Element, das den Besucher verführt.