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Im Herzen einer verwundeten Stadt

Seit Jahrzehnten gibt es eine Auseinandersetzung über die Neugestaltung der historischen Mitte Berlins. Traditionalisten treffen auf Modernisten, Stadtplaner auf Politiker, Architekten auf Historiker. Ein Bauvorhaben mit viel Konfliktpotential. Beim Wohn- und Bürohaus am Schinkelplatz ist es Architekt Volker Staab gelungen, Geschichte und Gegenwart zu vereinen. Ein Baustellenbesuch.

Es ist noch früh am Vormittag. Projektleiter Dominik Weigel kommt mit zwei roten Helmen aus dem Bürocontainer. „Den müssen Sie aufsetzen“, sagt er. Am Rohbau steht noch das Gerüst, die Fassadenarbeiten sind bereits abgeschlossen, die hochformatigen Fenster eingepasst. Wir steigen die Treppe hinauf.

Im obersten Stockwerk angekommen, schaut man direkt auf den Berliner Dom und die Alte Nationalgalerie. Auf der Großbaustelle des Stadtschlosses gegenüber, in dem ab 2019 das Humboldt-Forum untergebracht werden soll, wird auch schon gearbeitet. Spätestens jetzt wird klar: Das ist nicht irgendeine Baustelle. Sie liegt mitten im historischen Zentrum der Hauptstadt.

Dieser Ort berührt besondere Befindlichkeiten. Das weiß auch die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. „Das Areal ist ein Ort der Selbstvergewisserung der Deutschen. Anders als etwa die Schweiz, die nur sehr wenig Zerstörung erlebt hat, ist Berlin eine verwundete Stadt. Auch im kollektiven Gedächtnis der Menschen“, sagt die gebürtige Schweizerin und ausgebildete Architektin. Das Stadtschloss und die Bauakademie Karl Friedrich Schinkels wurden während des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt. Das Schloss wurde von der Regierung der DDR 1950 gesprengt, der geplante Wiederaufbau der Bauakademie 1956 endgültig eingestellt.

Eng an historischen Stadtgrundriss angelehnt

Die Debatte über die Umgestaltung begann bereits kurz nach der Wiedervereinigung. Immer wieder drehte sich die Diskussion um die Frage: Wie viel Moderne, wie viel Tradition? Dass und wie heute am Schinkelplatz gebaut werden kann, legt einerseits der Bebauungsplan fest, aber auch das Planwerk Innenstadt, ein Masterplan für die Entwicklung von Gebieten innerhalb des S-Bahn-Ringes. 1999 wurde es vom Berliner Senat verabschiedet und seitdem immer wieder angepasst.

Die Weichen dafür stellte der Vorgänger von Regula Lüscher, der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Er setzte sich vehement für eine Re-Urbanisierung der Innenstadt ein. Stimmann hatte eine klare Vorstellung davon, wie sie auszusehen habe: Die Entwicklung und Bebauung sollten sich eng an den historischen Stadtgrundriss anlehnen. Die Einhaltung der traditionellen Traufhöhe – vom Boden bis zur sichtbaren Dachkante 22 Meter – ebenso. Kurz gesagt: keine Experimente. Stimmann polarisierte. Er zählte Architekten wie Josef Karl Kleihues, Hans Kollhoff oder Franco Stella zu seinen Unterstützern. Doch er hatte auch viele Kritiker wie, etwa Günter Behnisch, Daniel Libeskind und Michael Wilford.

Stimmanns Erbe fordert Architekten noch heute, denn die Vorgaben schränken den gestalterischen Spielraum ein. Das kann auch Volker Staab bestätigen. Der Entwurf seines Büros zählte zu den Gewinnern. „Der Wettbewerb wurde auf Grundlage des Bebauungsplans mit strikten Vorgaben ausgelobt. Etwa dass das Gebäude eine Putzfassade haben müsse. Auch die Kubatur und das Farbspektrum waren festgelegt. Erst dachten wir, dass uns das zu sehr reglementiert, dann haben wir doch für uns ein Thema daraus gemacht“, sagt Staab.

Es hagelte Lob und Kritik

©J. Konrad Schmidt

Sein Verständnis für den städtischen Raum und dessen behutsame Entwicklung hat Staab bereits vielfach unter Beweis gestellt. Etwa am LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster oder bei der Erweiterung des Maximilianeums in München. Auf den ersten Blick sehen sich seine Häuser nicht unbedingt ähnlich. Beim zweiten Hinschauen ergeben sich allerdings Ähnlichkeiten: „ Oft geht es darum, eine Verwandlung des Vertrauten herzustellen: Man arbeitet mit einem bekannten Bild und übersetzt es in ein neues“, sagt Staab.

Für den Wettbewerb am Schinkelplatz beschäftigten sich Staab und sein Team zunächst mit den Fassaden von historischen Gebäuden – dann kam ihnen die Idee. „Die Häuser leben oft von einer Plastizität in der Fassade, die vom Sockel bis zur Traufe abnimmt. Dieses Prinzip haben wir in ein abstraktes Relief transformiert“, erklärt Staab.

Doch als der erste Entwurf vor einigen Jahren der Öffentlichkeit präsentiert wurde, hagelte es neben Lob auch Kritik. Gerhard Hoya, Sprecher der Gesellschaft historisches Berlin nannte ihn etwa eine „intellektuelle Frechheit“. Staab und Bauherr Xaver Moll nahmen Änderungen vor. Ein zäher Vorgang, erinnert sich auch Regula Lüscher: „Die Bebauung war ein Aushandlungsprozess zwischen vielen Partnern, ein Geben und Nehmen.“ Dann wurde endlich gebaut. Aber dass der Platz so schwierig wie seine Geschichte ist, daran hat sich nichts geändert. Bei der Grundsteinlegung wies Lüscher darauf hin: „An einem so zentralen Ort können wir uns keine Fehler leisten.“ Mit der Umsetzung ist sie zufrieden. „Uns war wichtig, dass an diesem Ort Qualität geschaffen wird. Die Bauherren haben das umgesetzt.“

Vermietung und Verkauf haben begonnen

©J. Konrad Schmidt

Die geschlemmte Beton-Fassade ist das Glanzstück des Gebäudes. Noch verdeckt das Baugerüst sie. Wie viel Arbeit dahinter steckt, weiß Projektleiter Weigel. Zunächst wurde das Bild einer Putzstruktur 10-fach vergrößert, später am Computer in ein 3D-Relief übersetzt und dann in Abgussformen überführt. Die Planung und die Umsetzung waren eine Millimeterarbeit. „Das hat nur funktioniert, weil wir alle Hand in Hand gearbeitet haben. Die Herstellungsschritte wurden während des Bauens immer weiterentwickelt – mit Arbeitsanweisungen und Checklisten wurde die Qualität gesichert“, erinnert er sich.

Im Büro des Baustellencontainers hängen noch die Pläne an der Wand: Die Fassade wurde in einzelne Abschnitte unterteilt, sogenannte Betonierabschnitte. Ein Abschnitt entsprach dem Inhalt eines Betonmischers. Die Matrize wurde auf eine Trägerplatte aufgeklebt, die rückseitig mit dem Schalsystem verschraubt wurde. Die Matrizen haben eine Standardbreite von 2,75 Meter und variieren abhängig von der Geschosshöhe. „Das sind große und schwere Schalungselemente, die mit dem Kran versetzt werden und auf den Millimeter genau justiert werden müssen. Die Anforderungen waren extrem hoch. Man konnte zum Beispiel nicht einfach eine Matrize abschneiden, sonst passte die Struktur nicht mehr“, erzählt Weigel.

Ende des Jahres werden die Bauarbeiten am Schinkelplatz abgeschlossen sein. Inzwischen sind auch die kritischen Stimmen weitgehend verstummt. Die Bauherren, die Moll Gruppe und Frankonia Bau, haben bereits mit der Vermietung und dem Verkauf begonnen. Über die Verkaufspreise wird noch spekuliert. Ab 20.000 Euro pro Quadratmeter ist die Rede. Im historischen Zentrum Berlins entsteht gerade die teuerste Adresse der Hauptstadt.