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Der Wellenschläger

Félix Candela war Architekt, doch sein Herz schlug für die Ingenieurskunst: Er perfektionierte die Hyparschale und schuf mit ihr wegweisende Gebäude von atemberaubender Leichtigkeit und Eleganz.

RECKLI der Wellenschlaeger

Beinahe wäre sein Talent ungenutzt geblieben: Als Félix Candela vor der Wahl seiner beruflichen Zukunft stand, war er unentschlossen. Ein Freund der Familie beschrieb ihm die Profession des Architekten, und so schrieb sich der junge Spanier mehr oder minder auf gut Glück Ende der 20er-Jahre an der Universität von Madrid ein.

Félix Candela, geboren am 27. Januar 1910 in Madrid, besaß nach eigenen Angaben wenig Talent fürs Zeichnen. Im Studium entwickelte er eine Faszination für die technischen Aspekte architektonischer Entwürfe. Ihn interessierten die wegweisenden Schalenbauten von Pier Luigi Nervi, die Spannbetonkonstruktionen des Franzosen Eugène Freyssinet und die Arbeiten der deutschen Ingenieure Ulrich Finsterwalder und Franz Dischinger.

Weil Schalenkonstruktionen in seinem Studium nicht behandelt wurden, schrieb Candela in der Universitätsbibliothek Beiträge aus deutschen und französischen Fachjournalen per Hand ab und übersetzte sie zuhause Wort für Wort ins Spanische. Auch die Berechnungen vollzog er Schritt für Schritt nach und eignete sich so im Selbststudium das Grundverständnis der Schalenbauweise an. Nach seinem Abschluss an der Universidad Politénica de Madrid vertiefte er seine Kenntnisse an der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando. Er studierte die Arbeit von Eduardo Torroja, der den späten Dreißigern als einer der ersten spanischen Architekten mit der hyperbolischen Paraboloidschale zu experimentieren begann: eine regelmäßig doppelt gekrümmte Dachfläche, die wegen ihrer Form auch Sattelfläche genannt wird. Die Realisierung von Torrojas aufsehenerregendem Entwurf der Rennbahn »Hipódromo de la Zarzuela« wurde jedoch vom spanischen Bürgerkrieg verzögert, der auch zu einer markanten Wende in Candelas Leben führen sollte.

Der Ausbruch des Krieges 1936 verhinderte zunächst Candelas geplante Studienreise nach Deutschland, wo er sich mit dem Einfluss der noch jungen Stahlbetonbauweise auf architektonische Formgebung beschäftigen wollte. Der 26-Jährige kämpfte auf der Seite der Republikaner gegen Franco, landete im französischen Gefangenenlager Perignon und musste Spanien nach dem Ende des Krieges 1939 verlassen. Im Juni desselben Jahres emigrierte Candela nach Mexiko, wo er sich ein neues Leben aufbauen musste.

Hyparschale als Markenzeichen

Er heiratete, nahm 1941 die mexikanische Staatsbürgerschaft an und begann als Architekt zu arbeiten. Beinahe ein Jahrzehnt lang entwarf er hauptsächlich Wohnhäuser und Hotels, doch Schalungsbauten ließen ihn nicht los. Ende der 40er-Jahre begann Candela die Strukturen nachzubauen und mit ihnen zu experimentieren. Die hyperbolische Paraboloidschale, kurz: Hyparschale, faszinierte ihn besonders. Sie ist attraktiv und elegant, die Schalung kann aus ungebogenem Holz gefertigt werden und für ihre Realisierung braucht es nur eine dünne Betonschicht, die material- und damit kostensparend ist. Candela perfektionierte seine Schalen so weit, dass sie an ihrer dünnsten Stelle jeweils nur vier Zentimeter maßen.

Schließlich hatte er genug Erfahrung gesammelt, um sich an seinen ersten eigenen Entwurf zu wagen. Beim Bau des Cosmic Ray Pavillons an der Universität von Mexiko City wurde Candela als Ingenieur für die Dachkonstruktion hinzugezogen. Der Architekt hatte ein einfach geschwungenes Dach vorgeschlagen; Candela entwickelte die Idee weiter und plädierte für eine doppelte Hyparschale. Sein Vorschlag setzte sich durch.

Die hyperbolische Paraboloidschale, kurz: Hyparschale, faszinierte Candela besonders. Sie ist attraktiv und elegant, die Schalung kann aus ungebogenem Holz gefertigt werden und für ihre Realisierung braucht es nur eine dünne Betonschicht, die materialund damit kostensparend ist.

Die Hyparschale wurde Candelas Markenzeichen. »Seine Brot-und-Butter-Struktur war das Schirmdach«, sagt Maria Garlock, Professorin für Bauingenieurwesen in Princeton. Garlock kann eine Reihe von industriellen Bauten in Mexiko Stadt aufzählen, für die Candela das Schirmdach variiert hat: Für die Rios Werkhalle kombinierte er mehrere Schirme mit leichtem Höhenversatz nebeneinander, so dass er Oberlichtfenster integrieren konnte. Alternativ perforierte er die Schirme und verbaute Glasbausteine, um ausreichend Licht in die großformatigen Hallen zu bringen–etwa bei der Highlife Textilfabrik. Für die Kirche »Iglesia de la Medalla Milgrosa« arbeitete er mit einem asymmetrischen Schirm, der anstelle von vier gleich großen Elementen zwei kurze und zwei lange Teile besitzt. Er neigte den Schirm zur Seite, so dass die kurze Seite auf dem Boden ruhte, und hob ihn genau in der Mitte der kurzen Seite an, wodurch ein Dreieck entstand. Indem er einen identischen Schirm rücklings an die lange Seite anlehnte und diese Konstruktion mehrmals wiederholte, schuf er das Mittelschiff der Kirche und ein außergewöhnlich schönes Gebäude.

Letzter Entwurf ein Ozeaneum

Als eines seiner Meisterwerke gilt das Restaurant Los Manantiales in Xochimilco, einem südöstlichen Bezirk von Mexiko Stadt. Dafür kreuzte Candela vier verkürzte Hyparschalen, so dass sie von oben betrachtet wie gewölbte Blütenblätter aussehen. Obwohl die gesamte Struktur geschwungen ist, entstand die Schalung ausschließlich aus geradem Holz. Er begann mit einer v-förmigen Konstruktion, die zum Boden hin mit Stahl verstärkt wurde, um das Gewicht zu verteilen. Auf die V-Konstruktion wurde Latte für Latte die Schalung aufgebracht, dann die Stahlmatten aufgelegt und darauf der Beton gegossen. Nach Abbau des Gerüsts und der Schalungen erhob sich ein majestätisch geschwungener Bau vor den Augen des Betrachters. Candela selbst zählte Los Manantiales zu seinen persönlichen Favoriten.

Ende der 50er-Jahre nahm er eine Lehrtätigkeit an der Fakultät für Architektur an der Universidad Nacional Autónoma de México an, die ihn mehr und mehr von aktiven Bauprojekten abhielt. 1971 ging er in die USA, wo er ab 1978 an der Universität von Chicago lehrte.

Sein letzter großer Entwurf, das L’Oceanogràfic im spanischen Valencia, erinnert stark an sein Lieblingsprojekt Los Manantiales. Der Komplex ist Teil der »Stadt der Künste und der Wissenschaften«, der in Zusammenarbeit mit dem spanischen Architekten Santiago Calatrava entstand und zum modernen Wahrzeichen der spanischen Stadt wurde. Das Ozeaneum stellt Candelas visionäre Arbeit ein letztes Mal eindrucksvoll unter Beweis. Er starb am 7. Dezember 1997 in Durham, North Carolina. L’Oceanogràfic wurde nach seinem Tod fertiggestellt und setzte ihm posthum ein Denkmal.

Projektdetails

Projekt
L‘Oceanogràfic

Ort
Valencia, Spanien

Architekten
Félix Candlea, Santiago Calatrava

Fotos
HAKEBRY1, David Iliff

Illustration
Carsten Nierobisch